Geschichte

Etwas zur Geschichte des Ernst-Thälmann-Park Areals …

 Gaswerk PBLuftbildaufnahme - ca. 1926 - Greifswalder Str. / Ecke Danziger Str. unten links

Die Geschichte unseres Areals wird dominiert durch das IV. städtische Gaswerk Berlins, welches zwischen 1873 und 1981 Stadtgas und die üblichen Nebenprodukte und ab 1915 auch petrochemische Produkte (v.a. Benzol) aus Kohle erzeugte und dazu ungefähr zwei Drittel der Gesamtfläche des Areals einnahm (siehe Luftbildaufnahme oben, ca. 1926 – darauf sind alle sechs Gasometer gut zu erkennen – die drei kleineren Gasometer an der Ecke Greifswalder/Danziger Straße unten links – zwischen 1936 und 1954 zurückgebaut – und die drei größeren Gasometer entlang der S-Bahnlinie ausgehend vom S-Bahnhof Prenzlauer Allee oben rechts – gegen massiven Bürgerprotest 1984 gesprengt). Lesenswert zur Geschichte des Gaswerkes ist der Beitrag von Hans Soost – Gas und Koks, Kohle und Staub – Edition Luisenstadt, Berlinische Monatsschrift Heft 4/2001.

Umso erstaunlicher ist daher aus heutiger Sicht die Tatsache, dass in direkter Nachbarschaft zum Gaswerk zwischen 1886 – 1889 das Städtisches Hospital und Siechenhaus (heute Bezirksamt Prenzlauer Berg – Denkmallisteneintrag), sowie 1886/87 das Städtische Obdach „Palme“ (heute Vivantes Klinikum Prenzlauer Berg – Denkmallisteneintrag) angesiedelt wurden. In diesem Obdach „Palme“, in dem in schlimmsten Zeiten bis zu 5 000 Menschen einquartiert waren, kam es im Dezember 1911 zu einer Massenvergiftung mit 70 Toten. Der Beitrag von Karsten Krampitz – Tod im Asyl in der Berliner Zeitung vom 21.12.2011 anlässlich des 100sten Jahrestages dieser Todesfälle schildert die Dramatik dieser Tage eindrücklich. Zwei Gedenktafeln vor Ort erinnern heute an die beeindruckende Geschichte dieses Hauses.

In der Spätphase der DDR wurde dann beschlossen, das Gaswerk stillzulegen und auf dem Gelände eine Wohnanlage mit großzügiger Parkanlage zu errichten. 1982 begann die Demontage des Gaswerks, im Dezember 1985 wurde die letzte neue Wohnung bezogen. Dieser beeindruckende Konversionsprozess wurde von Eberhard Klöppel in einer wunderbaren Fotoreportage für die Nachwelt festgehalten:

Eberhard Klöppel    Berlin – Ecke Greifswalder   Fotografien 1978-1987 – Lehmstedt Verlag

Eine grandiose Fotoreportage über das letzte große städtebauliche Projekt der DDR in Ostberlin – ein subtiles Schwarz-Weiß-Porträt. Klöppel untersucht sein Umfeld sehr genau und berichtet mit beobachtender Distanz und anteilnehmender Sensibilität vom Verschwinden eines Industriedenkmals und dem euphorischen Entstehen eines neuen, lebendigen Quartiers.“ (Sebastian Spix, Bauwelt, 22. Juli 2011)

TP Luftbild
Luftbildaufnahme der neuen Wohnanlage, des Kulturareals,  und des Planetariums - Wendezeit - Greifswalder Str. / Ecke Danziger Str. unten rechts

Integriert in die neuen Wohnanlagen (mit ca. 1200 Wohnungen) wurden auch die wenigen Rudimente der alten Industrieanlage, die für kulturelle Zwecke umgebaut und als „Kulturhaus im Ernst-Thälmann-Park“ am 1. April 1986 eröffnet wurden. Das Konzept der Anfangsjahre ist längst Geschichte, schon kurz vor der Wende mischten sich Ost- und Westberliner KünstlerInnen und Publikum. Heute reicht die Ausstrahlungskraft des Kulturareals mit seinen Einrichtungen Theater unterm Dach, Galerie Parterre Berlin, Wabe und den Kunstwerkstätten und der Jugendtheateretage weit über den Bezirk Pankow hinaus [1].

Das 1987 im zweiten Bauabschnitt fertiggestellte Zeiss-Großplanetarium im Ernst-Thälmann-Park wurde 2015/2015  modernisiert und hat im Herbst 2016 als eines der modernsten Wissenschaftstheater Europas wieder eröffnet.

Die Schwimmhalle Ernst-Thälmann-Park wird seit mehr als zwei Jahrzehnten von Besuchern aus Pankow und umliegenden Bezirken ausgiebig genutzt.

Die in öffentlichem bzw. genossenschaftlichem Besitz befindlichen Wohnanlagen und der sie umgebende Park verfielen seit 1989 immer mehr in einen „Dornröschenschlaf“ – Geld für die Pflege des Parks war immer weniger vorhanden, die Brunnen- und Bewässerungsanlage wurde ca. 2006 aus Kostengründen abgeschaltet, der Kiezteich sollte verschwinden und konnte nur dank des ehrenamtlichen Engagements einiger Aktiver und der Spendenfreude vieler Anwohner bis heute erhalten werden.

Die Wohnungen aber erfreuten und erfreuen sich seit deren Erbauung großer Beliebtheit – die Mieten sind im Gegensatz zu den umgebenden Prenzlauer Berg Kiezen noch erschwinglich – laut GEWOBAG (die ca. 1 100 Wohnungen bewirtschaftet) sind 31% der Mieter Erstmieter (Stand November 2013) .

Die relative Ruhe des „Dornröschenschlafes“ änderte sich schlagartig um das Jahr 2011, als Investoren das Areal für sich entdeckten … zwischen 2012 und 2016 sind 360 Wohnungen im hochpreisigen Segment neu im Ernst-Thälmann-Park Areal gebaut worden – überdurchschnittlich stark steigende Mieten sind die logische Konsequenz.

Weitere Bebauungspläne auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofes Greifswalder Straße und dem Standort der drei 1984 gesprengten großen Gasbehälter rücken das Thema Altlasten seit 2016 wieder stark in den Vordergrund.

Im Februar 2014 wurde das städtebauliche Ensemble des Ernst-Thälmann-Parks in die Denkmal-Liste des Berliner Landesamtes für Denkmalschutz aufgenommen.

Zur weiteren Vertiefung unbedingt zu empfehlen: Die Dauerausstellung „Gegenentwürfe – Prenzlauer Berg vor, während und nach dem Mauerfall“  des Museum Pankow, Standort Prenzlauer Allee 227.

[1] Pressemitteilung Kulturamt Pankow 2016